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Fabio Luisi, seit Oktober 2005 Chefdirigent der Wiener Sym- phoniker, im Gespräch über Wien, die Welt und die italienische Dialektik von Strenge und Leichtigkeit
Fabio Luisi, Sie haben als Italiener in Graz bei einem Kroaten studiert, wohnen mit Ihrer Familie in Wien und sind inzwischen weltweit ein gefragter Dirigent an allen wich- tigen Häusern. Welche Rolle spielt Ihre italienische Herkunft in diesem internationalen Kontext – anders gefragt: Welche Eigenschaften würden uns an Fabio Luisi menschlich und künstlerisch fehlen, wenn er kein Italiener wäre?
Das ist schwer zu sagen. Ich fühle mich meiner Heimat natürlich im Geiste sehr nahe. Das ist eine Kultur, die ich von Kindheit an sozusagen geatmet habe. Das ist nicht etwas, das man einfach so ablegen kann. Damit meine ich die typisch südlän- disch-katholische Einstellung mit ihrer Gleichzeitigkeit von Strenge und Leichtigkeit, einem Sinn für das Leben – nennen wir es „Freude am Leben“. Das ist vielleicht der wesentliche Unterschied zwischen Deutschen und Italienern. Diese Gleichzeitigkeit von Strenge und Leichtigkeit ist in meinem Wesen so stark verankert, dass es ganz wesentlich für mein Mensch-Sein ist. Allerdings würde ich nicht so weit gehen, jedes persönliche Detail auf die Italienita zurückzuführen. Da geht es mehr um einen sehr persönlichen Teil von mir, der nicht unbedingt mit der Berufsausübung zu tun hat. Das ist nicht etwas, das ich verstärken oder schulen könnte oder dies in meiner Vergangenheit getan hätte, sondern etwas, auf das ich in meiner Selbstanalyse draufgekommen bin.
Das Motto von „Frühling in Wien“ – „Ein Italiener in Wien“ – bezieht sich nicht nur auf Ihre Person, sondern thematisiert auch das Motiv des reisenden Künstlertums, das sich wie ein roter Faden durch die Kulturgeschichte zieht. Gibt es dieses Künstlertum in Zeiten des globalisierten Jet-Sets – auch in unserem Bereich – überhaupt noch?
Ich stelle das nicht in dieser Form fest. Viel eher hat sich der Globalisierungsprozess in der Kunst früher gezeigt als im alltäglichen Leben oder in der Wirtschaft. Die Künstler und ihre Künste waren immer schon per definitionem diejenigen, die keine Grenzen kennen. Um Kunst auszuüben – noch dazu in der Musik, für die auch die Barriere der Sprache wegfällt, – gibt es keine Grenzen oder Gesetze, die man respektieren muss. Die Herkunft ist durch die Person gegeben und nicht durch die Kategorie des Künstlers. Für mich sind die Reisen und das längere Verweilen an unterschiedlichen Orten gute Gelegenheiten, um Prioritäten neu zu setzen. Sonst gibt man sich zu intensiv dem Gefühl hin, dass man das Zentrum der Welt sei – dem ist natürlich nicht so. Es ist gut, dass man andere Länder kennen lernt, andere Menschen, die eine andere Lebenseinstellung haben und für die das Zentrum des Lebens ganz anders gelagert ist als für einen selbst. Die Überheblichkeit, die wir Europäer oft haben, wird relativiert, wenn wir in andere Länder reisen – ein sehr gesunder Vorgang. Diese Einstellung kann ich nicht an einzelnen Erlebnissen fest machen, sondern durch die kontinuierliche Beobachtung, wie Menschen aus anderen Kulturen leben – gerade in Asien: Es ist frappierend, welch kleine Rolle die abendländische Kultur dort spielt, sofern sie überhaupt existent ist. Ich sage das ganz wertfrei – die abendländische Kultur ist sehr wichtig; sie beschreibt das Leben sehr gut und sehr sinnvoll, aber diesen hohen Stellenwert hat sie eben woanders nicht, und deshalb müssen wir uns fragen, ob wir das nicht auch bei uns ein bisschen relativieren sollten.
Was sind die wesentlichsten Erfahrungen, die Sie ohne die interna- tionale Komponente Ihrer Arbeit nicht gemacht hätten?
Welche Erfahrungen verknüpfen Sie dabei mit Wien?
Die wesentlichste Erfahrung, die ich außerhalb von Wien gemacht habe (vor allem in fernen Ländern), ist jene, dass die Musik Trost und Freude bringen soll. Das hat auch für mich Priorität. Ich stehe der in Wien und Europa vorherrschenden Ein- stellung sehr skeptisch gegenüber, die Musik sei nicht dazu da, Trost und Freude zu vermitteln, sondern habe eine todernste gesellschaftskritische Funktion. Ich verstehe, dass Musik auch zum Denken anregen und sie wie alle Künste ein Spiegel des Lebens sein soll. Aber meine Erfahrungen in anderen Ländern haben mich gelehrt, dass es nicht die oberste Priorität ist, den musikalischen Diskurs hoch zu intellektualisieren. Das triff t weder den Kern der Musik, noch ist es das, was sich die Menschen erwarten. Letztendlich spielen wir ja für die Menschen und nicht für uns selber oder das Feuilleton.
Da Sie mit Ihrer Familie auch in Wien leben, nehme ich an, dass es über Ihre Arbeit hinaus weitere Motive für Wien als Lebensmittelpunkt gibt. Was würde Ihnen in Ihrem Leben fehlen, sollten Sie einmal aus Wien wegziehen? Auf welche Wiener Besonderheiten könnten Sie verzichten?
Wenn ich mit den Schattenseiten beginnen darf, dann würde mir zunächst das in Wien oft vermittelte Gefühl nicht fehlen, dass sich „die Sachen von selbst regeln werden“ und dass ein Eingreifen der Menschen nicht notwendig sei. Das geht ein bisschen gegen mein südländisch-katholisches Temperament. Ich bin ein Mensch, der aktiv und verändernd eingreifen will, und scheue auch nicht vor radikalen Schritten zurück. So etwas wird man in Wien nie finden. Das Wiener Motto „Das wird schon“ ist mir verhasst. Das ist aber schon das einzig Negative, das mir zu dieser Frage einfällt – vielleicht noch, dass das Wetter besser sein könnte. Was Wien allerdings im Positiven anbietet, ist einmalig und faszinierend. Dazu gehört eine wunderbare Lebensqualität und ein beispielloses kulturelles Angebot. Dann gibt es auch ganz konkrete Faktoren, die zu meiner Beschäftigung dazukommen – etwa der Hang zur Morbidität. Diese Todessehnsucht finde ich großartig, weil sie in anderen Zivilisationen tabuisiert wird – in Wien nicht. Das ist Teil des Lebens, und diese Einstellung fasziniert mich ungemein. Als Katholik ist es für mich klar, dass der Tod einen fixen Bestandteil der menschlichen Existenz bildet.
Die Wiener Symphoniker und mit ihnen die anderen Wiener Orchester halten den „Wiener Klang“ hoch und betonen regelmäßig, wie wichtig diese Musiziertradition sei. Inwiefern spielt er in Ihrer Arbeit eine Rolle – anders gefragt: Was können Sie mit dem Klang der Wiener Symphoniker in Ihrer Arbeit als Dirigent erzielen, das es ohne ihn nicht gäbe?
Ich kann ihn ganz einfach in Anspruch nehmen, ich brauche gar nichts zu sagen, man versteht mich, was ich meine. Dadurch steht mir quasi ein Instrument zur Verfügung, das ich bei anderen Orchestern nicht habe. Man kann es kaum beschreiben, weil dieser Klang auch etwas ist, das man nicht einfach einfordern kann – weil man im Endeff ekt nicht weiß, worin er besteht. Sämtliche Wiener Musiker sind mit ihm groß geworden, und daher ist er für sie eine Selbstverständlichkeit. Auf- grund der Tatsache, dass ich selbst schon lange in Österreich lebe, geht es auch mir so.
Ottorino Respighis symphonische Dichtung „Feste romane“ wurde von ihm mitunter als Satire über das römische Reich komponiert, wohl auch aktuelle Zustände beschreibend. Inwiefern sehen Sie in diesem italienischen Zugang zur Satire als zugespitzte Form der Gesellschaftskritik eine Parallele zum Wiener Humor?
Naja, das Werk als Satire abzustempeln, greift zu kurz. Respighi war eine schlaue Persönlichkeit, und alle Dinge, die mit Rom in Zusammenhang stehen, hat er eigentlich als hoch und heilig behandelt. Die „Feste romane“ sind vier Momentaufnahmen aus Roms Geschichte. Ob dieses Werk dem Kern nach satirisch gemeint ist, wage ich zu bezweifeln. Was man dem Werk auf jeden Fall zuschreiben kann, ist die Tatsache, dass es quasi ein „Hollywood ante litteram“ war – also ein filmmusikalisch angehauchtes Werk vor der Entstehung der bekannten Klangteppiche. Die Farbigkeit und Komplexität der Instrumentierung ist atemberaubend. Ich wiederhole mich, dass Musik auch sozialkritisch sein kann, wiewohl es nicht ihr wichtigster Aspekt ist. Ich glaube aber nicht, dass Respighi zu den großen Sozialkritikern der Musikgeschichte gehört.
Vivaldis „Frühling“ musizieren Sie mit den drei Ersten Konzertmeistern der Wiener Symphoniker, Jan Pospichal, Anton Sorokow und Florian Zwiauer. Wie erleben Sie als Dirigent die Arbeit mit solierenden Orchestermusikern – gibt es einen Unterschied zu den so genannten „Stars“, die sich ausschließlich dem Solieren widmen?
Natürlich gibt es Unterschiede, die man jetzt beim Konzert vielleicht nicht hören wird, aber man merkt es in der Arbeit. Als Konzertmeister reicht es ja nicht, „nur“ ein sehr guter erster Geiger zu sein, Sie müssen sehr empfi ndliche Antennen für das gesamte Orchester haben und sind ein wichtiger Bezugspunkt für die Kollegen. Deshalb kann ich mich bei einem Solisten aus dem Orchester darauf verlassen, dass er immer mit dem und nie gegen das Orchester spielen wird, was natürlich meine Aufgabe als Dirigent erleichtert. Außerdem finde ich es angesichts des inszenierten Medienrummels um gewisse Solisten- persönlichkeiten sehr erfrischend, wenn Mitglieder der Wiener Symphoniker zeigen, dass sie musikalisch ihren „Star“-Kollegen absolut gleichwertig sind.
„Frühling in Wien“ ist eine der inzwischen seltenen Gelegenheiten, ein Symphonieorchester in voller Konzertlänge auch im Fernsehen sehen zu können. Wie würden Sie in Zeiten des sich beschleunigen den Fernseh-Duktus einem TV-Konsumenten den Mund wässrig machen, sich die Wiener Symphoniker im Fernsehen anzusehen?
Konzertübertragungen im Fernsehen haben naturgemäß einen Rhythmus, der nicht mit den Action-Produktionen aus Hollywood konkurrieren kann. Man muss sich schon bewusst Zeit nehmen und eine Portion Detailverliebtheit mitbringen, um ein derartiges Fernsehprogramm zu schätzen. Und daher sage ich, dass sowohl der Besuch eines Live-Konzerts wie auch eine Konzertübertragung im Fernsehen eine Gelegenheit ist, um sich Zeit zu nehmen, um auf Details zu reagieren, um eine tiefere Einsicht in einen musikalischen Prozess zu gewinnen. Eigentlich ist es das genaue Gegen- teil dessen, was heute vom Fernse- hen erwartet wird. Aber genau das ist die Faszination einer Konzertübertragung.
Sie befinden sich gerade in Ihrer ersten Saison als Chefdirigent der Wiener Symphoniker und haben erst diese Woche mit der Spielzeit 2006/2007 Ihre zweite Saison vorgestellt. Welche Schwerpunkte darf sich das Publikum erwarten?
Ich kann nur das wiederholen, was ich auch im Vorwort der neuen Saisonbroschüre angedeutet habe. Wir werden quantitativ mit 160 Auftritten pro Jahr wieder das musikalische Rückrat der Musikstadt Wien bilden, wobei wir für wirklich alle Menschen ein Angebot formuliert haben. Qualitativ werden wir unser breites Repertoire noch weiter ausdehnen, wobei in der nächsten Saison 60 Konzerte mit Musik aus dem 20. und 21. Jahrhundert sowie 20 Auftritte mit Musik auf dem Programm stehen, die nach 1950 entstanden ist. Ein Herzensanliegen ist mir das Œuvre von Franz Schmidt, der in der kommen- den Saison mit zwei seiner vier Symphonien und dem „Buch mit sieben Siegeln“ schwerpunktmäßig vertreten sein wird. Generell halte ich wenig davon, sich als Konzertorchester der Stadt Wien auf jene Felder zurückzuziehen, die die Spezialensembles in der Alten und Neuen Musik „übrig lassen“. Und last but not least möchte ich herausstreichen, dass wir mit unseren Kinder- und Jugendprojekten die führende Position der Wiener Symphoniker in diesem Bereich auch 2006/2007 bestätigen werden. Wenn Ihnen eine gute Fee drei Wünsche zu Ihrer Arbeit mit den Wiener Symphonikern frei stellen würde, was würden Sie sich für die nächste Zeit wünschen? Erstens, dass es so weiter geht wie bis jetzt, zweitens dass es so weiter geht wie bis jetzt, und drittens, dass es noch besser wird als bis jetzt. Interview: Christoph Kufner
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