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Fragen an Fabio Luisi

Ein Interview von Helga Kuschmitz.

Prof. Gerd Uecker, Intendant der Sächsischen Staatsoper Dresden, an dem Haus, an dem Sie designierter Generalmusikdirektor und Chefdirigent sind, hat unlängst gesagt: „Das Wichtigste für das Theater ist sein Publikum…, das sein Haus liebt, seine Arbeit neugierig und kritisch begleitet.“
Entspricht das Ihren Vorstellungen und was glauben Sie kann die Musik dazu beitragen?

Die Musik ist dazu das verbindende Element, etwas, das man nicht mit wortreichen Beschreibungen definieren kann. Der Augenblick einer Aufführung, egal ob im Musiktheater oder rein symphonisch, wird durch die Union der Aufführenden mit den Zuhörern (und mit den Zusehern) perfektioniert, ohne diese „mystische“ Verbindung ist Musik, und auch Theater, bedeutungslos, sinnlos. Zudem ist es bei einer Institution wie einem Opernhaus notwendig, dass das Publikum in programmatische und stilistische Richtungen einbezogen wird, nicht im Sinne einer Belehrung, sondern im Sinne einer gemeinsamen Entdeckungsreise.

Sie mögen den Begriff „Interpretation“ nicht. Warum?
Was setzen Sie dafür?

Der Begriff „Interpretation“ stellt meiner Meinung nach die Figur des Aufführenden über die des Komponisten. Aufgabe des Dirigenten ist nicht, eine eigene Auslegung des Werkes anzubieten, sondern die Wünsche und den Willen des Komponisten so weit wie möglich umzusetzen. Dafür sind unbedingte Texttreue aber auch stilistisches Empfinden notwendig.

Können Sie, ohne lange nachzudenken, drei Dinge nennen, die Ihr musikalisches Leben geprägt haben?

Zuhören, Fleiß, Demut.

Was heißt es für Sie, Dirigent zu sein?

Musizieren zu können, ohne sich Dilettanten unterordnen zu müssen.

Ihr verehrter Lehrer, Milan Horvat, gab Ihnen einst die Worte mit auf den Weg: „Man muss als Dirigent etwas wollen“.

Das ist das Alpha und Omega: wenn ich nichts wollte, bräuchte ich auch nichts zu sagen. Ich meine, der Wille zur Verwirklichung eigener Ideen, natürlich im Dienst der Komposition, ist unabdingbar. Der Dirigent ist nicht nur Koordinator, sondern eher Demiurg, Mittler zwischen dem Komponisten und dem Zuhörer – durch eine weitere Zwischenstufe: das Orchester.

Wenn an einem Opernabend Musik und Szene, Orchester und Gesang auseinander zu driften drohen, wie reagieren Sie?

Erstens: Helfen. Versuchen, durch Flexibilität oder auch durch Strenge (Strenge ist auch eine Hilfestellung) Unfälle zu vermeiden. Sensibilität und Erfahrung helfen mir, schon bei den allerersten Anzeichen einer drohenden Gefahr dementsprechend zu reagieren. Wenn das nicht hilft, muss ich den renitenten Sänger seinem Schicksal überlassen, und mich um einen guten musikalisch-klanglichen Ablauf im Orchester kümmern, um dann später wieder helfend einzugreifen.

„Zuhören können und leiten“ als Grundsatz für ein Operndirigat. Ergänzt sich beides an einem idealen Opernabend?
Gibt es überhaupt ideale Opernabende? Und wenn ja, wodurch zeichnen sie sich aus?

Diese Ergänzung besteht darin, dass alle Aufführenden das gleiche Ziel anstreben. Leidenschaft und Intellekt vereinigen sich dann auf mysteriöse Weise: Auf einmal versteht man sich, ohne gesprochen zu haben, in dem unmittelbaren Augenblick des Geschehens. Nicht immer ist eine akkurate Probenarbeit Bedingung dazu, auch manche vielleicht nicht genügend probierten Repertoire-Vorstellungen bekommen plötzlich diese magischen Momente.

Wie kann man Hörgewohnheiten – vor allem bei neuer Musik – entwickeln und beeinflussen?

In dem man nicht müde wird, neue Werke dem Publikum vorzustellen, und zwar nicht einfach so, im Konzert, sondern auch mit einer gewissen Vorbereitung: Einführungsgespräche, Erklärungen – auch während des Konzertes – in Einzelfällen auch durch die Wiederholung der Aufführung nach einer kurzen Erklärung. Man muss dem Publikum die Möglichkeit geben, sich aktiv an dem Entstehen einer Rezeption zu beteiligen: lieber eine lautstarke Ablehnung als eine passive, amorphe, lustlose Akzeptierung.

Wie kann man Kinder an die so genannte Ernste Musik heranführen? Und warum ist das wichtig?

Ernste Musik ist leider eine „uncoole“ Bezeichnung, die – heute – eher abschreckt. Wichtig ist, Kindern und Jugendlichen die Schwellenangst zu den Konzertsälen zu nehmen, Ihnen zu zeigen, dass auch klassische Musik, richtig präsentiert, spannend und überraschend ist, dass die Musiker „Schwerarbeit“ leisten, und vor allem, dass Musik Kommunikation ist, mit der sich Dinge sagen lassen, für die es keine Worte gibt, Empfindungen erklären lassen, die wir mit Worten nicht beschreiben können. Das ist im Endeffekt der Sinn des musikalischen Diskurses.
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Interview von Helga Kuschmitz, November 2005.