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Fabio Luisi dirigiert die Neuproduktion des “Falstaff”
Er gehört zu den bedeutendsten Dirigenten seiner Generation: Fabio Luisi. 1959 in Genua geboren studierte er zunächst Klavier, dann Dirigieren. Am Opernhaus Graz war er Solokorrepetitor, Studienleiter und Kapellmeister. Seinen internationalen Durchbruch erlebte er in München, wohin ihn Wolfgang Sawallisch holte. Seither ist er ein in aller Welt gefragter Opern- und Konzertdirigent. Eng verbunden ist er auch der Wiener Staatsoper. Mit Fabio Luisi sprach Peter Blaha.
Falstaff ist nicht irgendeine Oper, sondern der geniale Wurf eines achtzigjährigen Komponisten, der einzigartig dasteht im gesamten Repertoire. Wo liegen bei diesem Stück die Herausforderungen für einen Dirigenten?
Es ist ein Stück, welches das 20. Jahrhundert vorausahnt und vorwegnimmt, in der Behandlung des Orchesters, der Formen, die nicht mehr die geschlossenen Formen der traditionellen Oper sind, und in der Behandlung des Textes. Zum zweiten Mal nach Otello, aber zum ersten Mal in dieser Vollkommenheit, stand Verdi ein Libretto zur Verfügung, das all seinen Wünschen entgegenkam und mit dem er sich musikalisch voll identifizieren konnte. Er mußte Arrigo Boito nicht unter die Arme greifen, sondern hat von diesem ein kongeniales Libretto erhalten, das er nur noch in Noten umzusetzen brauchte.
Weder gibt es eine Ouvertüre noch große orchestrale Zwischenspiele. Trotzdem haben sich, immer wieder die größten Dirigenten ihrer Zeit für den Falstaff begeistert. Woher kommt das?
Weil es in dieser Oper keine Leerstellen gibt. Niemals wird das Orchester schematisch behandelt. Vom Anfing bis zum Ende ist diese Oper symphonisch durchkomponiert. Es wäre natürlich ein Fehler, den Falstaff rein symphonisch anzugehen, weil es ein musiktheatralisches Stück ist. Dennoch, von der Orchesterbehandlung her ist es von der ersten bis zur letzten Note durchdacht. An keiner einzigen Stelle sinkt das Orchester zur bloßen Begleitung der Singstimmen herab.
Gibt es in früheren Werken Verdis Anklange, die den Falstaff erahnen lassen, oder ist er etwas völlig Neuartiges? Im zuvor komponierten Otello höre ich den Falstaff nicht.
Falstaff ist auf jeden Fall eine Stufe höher zustellen als Otello, in allem, als Stück an sich, in der Behandlung des Orchesters und im Verhältnis von Text und Musik. Verdi ist allerdings schon jemand, der sich deutlich entwickelt hat. Ich als Dirigent rieche den Falstaff schon bei Simon Boccanegra, Don Carlo und Aida. Der Eindruck des Unvorbereiteten und völlig Neuartigen kommt vielleicht daher, daß Verdi, abgesehen von Un giorno di regno in seiner Jugend, vor dem Falstaff eine Buffo-Oper geschrieben hat.
Falstaff entstand zu einer Zeit, als der Verismo ante portas stand. Damit hat der Falstaff nichts zu tun. Wann hat sich seine Vorbildwirkung auf die italienische Oper entfaltet oder blieb er ein Einzelgänger?
Falstaff blieb insofern ein Einzelgänger, als das Stück einfach so perfekt geschrieben ist, daß es kaum nachzuahmen ist. Wir wissen aus Briefen und von Zeitzeugen, daß Puccini den Falstaff geliebt hat. Viele Musikwissenschafter glauben eine Ähnlichkeit zwischen Gianni Schicchi und Falstaff auszumachen. Dieser Meinung schließe ich mich nicht an. Andererseits, Verdi war sehr klug. Er bediente sieh schon auch der musikalischen Fermente, die es zu jener Zeit in Italien gab. Manche harmonische, ja sogar manche melodische Wendungen deuten entfernt schon auf den Verismo hin. Für den Verismo selbst wurde Falstaff allerdings nicht zum Modell. Schon eher läßt sich der Einfluß des Falstaff bei Postveristen wie Zandonai nachweisen, nicht zu sprechen von Pizzetti oder Dallapiccola. Für mich ist eigentlich erst dort die Saat des Falstaff aufgegangen.
An der Wiener Staatsoper haben die drei Falstaff- Premieren seit 1955 Karajan,
Bernstein und Sold dirigiert. Ist es für Sie eine besondere Herausforderung, nun in deren Fußstapfen zu treten?
Falstaff in Wien hat nicht nur für diese Stadt, sondern auch aus internationaler Sicht eine ganz besondere Bedeutung. Dessen bin ich mir voll bewußt. Meine Vorgänger waren wirklich die großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Für mich persönlich betrachte ich es als Herausforderung aber auch als große Ehre, dieses Stück an diesem Ort dirigieren zu dürfen.
Sie haben, wie nur wenige Dirigenten heute, das Handwerk eines Opernkapellmeisters von der Pike auf gelernt. Was macht, Ihrer Meinung nach, einen guten Operndirigenten aus?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Für mich sind zwei Dinge entscheidend, die sich auf den ersten Blick vielleicht sogar widersprechen: Zuhören können und Leiten können. Zuhören heißt nicht nur begleiten. Ein guter Opernkapellmeister ist nicht unbedingt derjenige, der jedem Wunsch des Sängers nachgibt. Ein guter Operndirigent ist der, der die Wünsche der Sänger hört, bevor sie ausgesprochen werden, der die Sänger respektiert, sie aber trotzdem leitet, um dem Ganzen einen Sinn zu geben. Ich rede ungern von Interpretation, aber die Sicht eines Dirigenten im Moment der Aufführung ist wichtiger als die Sicht des Sängers auf eine Arie oder vielleicht sogar nur auf einen Teil der Arie. Es ist Aufgabe des Dirigenten, diese Arie, die für den Sänger wichtig ist, so in den Gesamtverlauf einzubetten, daß es für die Vorstellung als Ganze einen Sinn ergibt. Das macht, handwerklich gesehen, einen guten Opernkapellmeister aus. Und er muß die Oper lieben.
Woher kommt Ihre Liebe zur Oper? Sie haben ja als Pianist begonnen.
Ich habe als Pianist begonnen, aber schon relativ früh, nämlich mit 17 Jahren, angefangen, mit Sängern zu arbeiten. Mit 18 traf ich erstmals mit der bedeutenden Sopranistin Lyla Gencer zusammen, die ich drei Jahre lang als Pianist begleiten durfte. Wir haben vieles von Donizetti, manches von Verdi und sehr viele Lieder zusammen musiziert. Sie hat mir enorm viel beigebracht und während dieser Zeit ist auch meine Liebe zur Oper entstanden.
Sie haben bei Milan Horvath Dirigieren studiert, der dem österreichischen Musikleben als Chef des ORF-Symphonieorchesters sehr verbunden war. Was haben Sie bei ihm gelernt?
Seine größte Stärke war es, Studenten intellektuell zu fördern, weit mehr noch als handwerklich. Er selbst war handwerklich hervorragend, nur war ihm die Vermittlung des Handwerks nicht so wichtig. Sein Credo war: Man muß als Dirigent etwas wollen. Das hört sich einfach an, aber das ist es nicht. Viele junge, angehende Dirigenten verstehen nicht, daß sie auch etwas Wollen müssen. Daher wollen sie nichts und schwimmen mit. Das ist aber nicht die richtige Art, um an diesen Beruf heranzugehen.
Sie stammen aus Italien, sind aber besonders dem deutschsprachigen Raum verbunden. Was ist Ihre Heimat?
Musikalisch betrachte ich sicherlich Mitteleuropa als meine Heimat. Am Klavier fühle ich mich dem romanischen Bereich viel mehr verbunden, denn als Dirigent. Ich liebe das französische Repertoire. Es gibt ja meiner Meinung nach nicht so viele großartige französische symphonische Kompositionen, hingegen gibt es solche en masse für Klavier. Als Mensch fühle ich mich schon als Kosmopolit, aber immer noch auch als Italiener. Ich möchte vielleicht nicht unbedingt in Italien arbeiten, aber ich fühle mich dort schon sehr wohl.
Sie sind nicht nur ein international erfolgreicher Operndirigent, sondern auch in Konzert sehr gefragt. Seit 1999 leiten sie als Chef das Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks Leipzig, das, zumindest was man in Wien hört in seiner Existenz weniger in Frage gestellt zu sein scheint, als manche andere Rundfunkorchester.
Es gibt tatsächlich sehr viele Rundfunkorchester in Deutschland, möglicherweise sogar zu viele. Das hat natürlich mit den geänderten Rahmenbedingungen zu tun. Als die Rundfunkorchester gegründet wurden, gab es nur wenige Schallplatten, auf die die Sender bei ihren Musikprogrammen zurückgreifen konnten. Die Orchester waren dazu da, um ein symphonisches Repertoire für den Sender aufzunehmen. Dieser Auftrag hat sich schon vor rund drei Jahrzehnten gewandelt. Die städtischen Orchester sind immer mehr dazu übergegangen, nur mehr einen Teil des Repertoires zu bedienen, nämlich das Standardrepertoire. Dadurch konnten die Rundfunkorchester ein Profil gewinnen, indem sie sich des sogenannten Randrepertoires und der zeitgenössischen Musik angenommen haben. In meinen Augen liegt darin auch heute noch die Berechtigung der Rundfunkorchester. Freilich bleibt die Frage bestehen, ob es in Deutschland wirklich so viele Rundfunkorchester geben muß. Gefragt ist aber auch die Selbstdisziplin der Redakteure, die schon auch auf die Aufnahmen mit dem Orchester ihres jeweiligen Senders zurückgreifen müßten, anstatt CDs abzuspielen.
Es gibt Plane, die Wiener Symphoniker, die sie ab 2005 als Chefdirigent übernehmen werden, stärker als Opernorchester heranzuziehen, vor allem im Zusammenhang mit dem Theater an der Wien. Wie stehen Sie dazu?
Prinzipiell finde ich es sehr richtig, wenn das Theater an der Wien anständig bespielt wird und nicht mit seichten Musicals. Aber ein Konzept muß her, das Hand und Fuß hat und nicht einfach zur Profilierung für einzelne kulturfremde Menschen dient.
Wiener Staatsoper Pro:log, Oktober 2004
Original Artikel: Man muß was wollen.pdf
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